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Meine Motto-Läufe

Der Frida Becher von Rüdenhof Lauf

Fast 12 Kilometer heute morgen um 6 Uhr haben gut getan. Bewegte mich auf den Spuren der Ärztin und Frauenrechtsaktivistin Frida Becher von Rüdenhof. War eine schöne Strecke erst über die Mariahilfer Straße und die Kirchengasse in die Josefstadt und dann zurück über die Landesgerichtsstraße, Getreidemarkt, Naschmarkt und den Wien Fluß entlang.

Frida Becher von Rüdenhof studierte Medizin und war danach erst Assistenzärztin im Sophienspital in Wien und zwischen 1920 und 1923 dann Assistenzärztin an der Wiener Poliklinik. Parallel dazu baut sie nach dem Ersten Weltkrieg eine eigene Praxis für Innere Medizin und Kinderheilkunde in der Florianigasse 15 auf. Sie war auch Mitglied des Vereins Wiener Settlement in Ottakring und engagiert sich für verarmte Kinder und für Weiterbildungen deren Mütter.

In der Zwischenkriegszeit war sie auch Schulärztin und zusätzlich Lehrerin für Gesundheitslehre an der Fachlehranstalt für Bekleidungsgewerbe im 9. Bezirk. Frida Becher von Rüdenhof ist auch in der bürgerlichen Frauenbewegung in Wien aktiv und tritt für die Erwerbstätigkeit von Frauen ein.

Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht gilt Frida Becher von Rüdenhof als „Volljüdin“ , doch der Umstand, dass sie mit einem „Arier“ verheiratet ist, rettet sie und ihre Tochter vor der Deportation. Sie darf allerdings nach dem Einmarsch in ihrer Praxis nur mehr Juden behandeln und wurde auch aus dem Schuldienst entlassen. Ihr Bruder Emil wurde im KZ Auschwitz ermordert. Nach der Befreiung Österreichs darf sie ihre Praxis wieder in vollem Umfang aufnehmen, ebenso wie den Unterricht an der Schule.

Der Corti Lauf

Am 17. September begab ich mich auf den Corti Lauf in die Wiener Innenstadt. Egon Caesar Conte Corti war ein österreichischer Offizier, Historiker und Schriftsteller. Er stammte aus einem alten lombardischen Adelsgeschlecht. Nach dem 1. Weltkrieg, als er aus der Armee verabschiedet wurde, war er auf der Suche nach einem neuen Broterwerb und fing an biographische Arbeiten zu verfassen. Er galt in der Zwischenkriegszeit als Spezialist für biographische Werke über Persönlichkeiten aus der europäischen Hocharistokratie. Corti war zwar Monarchist und trotzdem wurde er Mitglied des 1937 gegründeten „Volksbunds“, der als Tarnorganisation für die zu diesem Zeitpunkt illegale NSDAP in Österreich diente.

Ein Beitrittsgesuch Cortis in die NSDAP wurde mit Verweis auf seine jüdischstämmige Ehefrau Gertrud Mautner Markhof, von der er sich nicht trennen wollte, abgelehnt. Die beiden hatten auch einen Sohn, Ferrante, der 1940 als 15-Jähriger verhaftet und tagelang von der Gestapo unter dem Vorwurf verhört wurde, er habe gegen die Nationalsozialisten konspiriert. Was mit dem Sohn letztendlich geschehen ist, weiß niemand. Er gilt als vermisst im 2. Weltkrieg.

Corti nahm der Tod seines Sohnes den Lebenswillen. Er starb im September 1953, wenige Monate vor seiner Frau. Er wurde am Friedhof von Pressbaum bestattet. Gewohnt hat die Familie am Franziskanerplatz 1, wo sich auch eine Gedenktafel befindet.

Der Harald Serafin Lauf

Heute am 15. September vor einem Jahr ist Schauspieler und Sänger Harald Serafin mit 93 Jahren verstorben. Grund genug, eine kleine Laufrunde zu seiner ehemaligen Wohnung am Rudolfsplatz 2 zu machen bei perfekten Lauftemperaturen und strahlendem Sonnenschein.

Geboren wurde er in Litauen als Sohn eines Italieners und einer Salzburgerin. Die Familie musste 1940 nach der Besetzung von Litauen durch die Sowjetunion nach Bamberg flückten, wo Harald Serafin maturierte. Studiert hat er in Berlin zuerst 7 Semester Medizin, ehe er sich für die Sängerlaufbahn entschied. Am Opernhaus in Zürich lernte er Otto Schenk kennen, der ihm den Weg als „singender Bonvivant der Operette“ wies. Neben Engagements an den Opernhäusern von Köln, Frankfurt und München war er seit 1967 an die Wiener Volksoper gebunden, die zu seiner künstlerischen Heimat wurde.

1989 gab er seine Gesangskarriere nach einer Stimmbandoperation auf und er wechselte ins Schauspielfach. Sein Mentor Otto Schenk holte ihn an die Kammerspiele. 1992 übernahm er die Intendanz der Seefestspiele Mörbisch, denen er sowohl im künstlerischen als auch im wirtschaftlichen Bereich neue Impulse verlieh. 1992 übernahm er die Intendanz der Seefestspiele Mörbisch, denen er sowohl im künstlerischen als auch im wirtschaftlichen Bereich neue Impulse verlieh.

Dem breiten österreichischen Publikum ist Serafin spätestens seit seinen Auftritten als Juror in der zweiten Staffel der TV-Show Dancing Stars bekannt, die im Frühjahr 2006 im Programm ORF 1 ausgestrahlt wurde. Mit meist unverbindlichen, oft auch nichtssagenden Kommentaren gab er gekonnt den Part des „freundlichen“ Jurors, der auch schwächere Tanzdarbietungen mit guten Noten bewertete. Mit Fortdauer der mehrmonatigen Show erlangte sein häufig wiederkehrender Kommentar „“Es war wunderbar!“ den Status eines Running Gags. Danach wurde er von den Medien zum „Mister Wunderbar“ gekürt.

Der Josef Danhauser Lauf

In der Früh gab es diesmal eine kühle, angenehme Temperatur. Nach der Hitze war es wieder einmal toll, bei diesem Wetter zu laufen.

Der Maler Josef Danhauser wurde im Haus in der Linken Wienzeile 16 geboren und wuchs dort auf. Der Vater erteilte ihm den ersten Zeichenunterricht und ab 1820 besuchte er die Akademie der bildenden Künste Wien bei St. Anna. Mit 21 Jahren wurde er nach Venedig und Triest eingeladen, wo er die italienischen Meister studieren konnte. Einem Jahr später hielt er sich mit seinem Vater kurze Zeit in Prag auf, wo er dem verstorbenen Ludwig van Beethoven die Totenmaske abnahm.

Ab 1832 wandte er sich immer mehr der Genremalerei zu, wobei seine bedeutendsten Werke entstanden. 1841 wurde Danhauser Professor für Historienmalerei an der Akademie. Kurze Zeit später legte er aber sein Amt wieder nieder, um eine lange geplante Reise mit dem Wiener Fabrikanten und Kunstmäzen Rudolf von Arthaber zu unternehmen. Über Gastein reiste er nach Deutschland und Holland. In seinem Haus in der Paniglgasse 7 starb er im Alter von 40 Jahren an Typhus.

Danhauser war neben Ferdinand Georg Waldmüller der liebenswürdigste Sittenschilderer des Biedermeier. Seine Bedeutung liegt in der stärkeren individuellen Note und persönlichen Auffassung, die er in die bürgerliche Genremalerei brachte, sowie im koloristischen Wert seiner Bilder.

Der Josef Armin Lauf

Josef Armin wurde als Josef Rottenstein in Ungarn geboren und war ein ungarisch-österreichischer Komiker, Schriftsteller und Coupletsänger. Er war einer der „Hausautoren“ des Budapester Orpheums in Wien. Als Jugendlicher ging Josef Armin nach Wien, wo er seine Ausbildung fortsetzte.

Er schloss sich einer reisenden Volkssängergesellschaft an, mit der er in Galizien umherzog. In Lemberg lernte er das Gesangsduo und die Geschwister Käthe und Anna Rieder kennen, die als „Goldamseln“ ihre Auftritte absolvierten. Er schloss sich mit den beiden zusammen und heiratete Käthe. Zuerst zu dritt, später mit Käthe allein trat er in vielen Hallen auf, wie beispielsweise im Orpheum in der Wasagasse. Als Komiker bespielte er zudem unter anderem auch das Varieté Gartenbau und „Venedig in Wien“, einem der ersten Vergnügungsparks im Wiener Prater.

Um 1900 beendete er seine aktive Karriere und widmete sich nur mehr dem Schreiben von Lied- und Bühnentexten. Er schrieb zahlreiche Possen, Szenen und Couplets für Unterhaltungskünstler aller Art, die diese im gesamten deutschsprachigen Raum verbreiteten. Josef Armin gründete seine eigene Varietéschule: Josef Armin’s Institut für Varieté- und Kabarettkunst. Sitz dieser Ausbildungsstätte war das Apollo-Theater in der Kaunitzgasse 2, wo sich jetzt das Apollo Kino befindet. Zeitweise wohnte er auch dort, und auch in der Joanelligasse 3 und in der Wilhelm Exner Gasse 13.

Der Helene Odilon Lauf

Gleich um 6 Uhr in der Früh los, weil’s heiß wird heute. Es ging in den Westen auf den Spuren der Schauspielerin Helene Odilon. Danach ging’s über die alte Pfarrwiese, wo ich erstmals die Gedenktafel gesehen habe und über den Flötzersteig zurück in die Stadt, wo die Schauspielerin in der Neustiftgasse 11 wohnte.

Helene Odilon wurde in Dresden geboren und begann ihre Laufbahn in Chemnitz. Mit 28 Jahren ging sie nach Wien. Sie galt als eine der interessantesten Schauspielerinnen ihrer Zeit und wurde auch in England und den USA gefeiert. Am Deutschen Volkstheater in Wien, dem sie über 13 Jahre hinweg angehörte, spielte sie Madame Dubarry und die Madame Sans-Gêne, die von manchen als ihre Glanzrolle angesehen wurde.

1893 heiratete sie Alexander Girardi. Die Ehe war unglücklich. Helene Odilon hatte viele Liebhaber, Alexander Girardi war eifersüchtig und sie versuchte, ihn entmündigen zu lassen und ließ ihn mithilfe eines Gefälligkeitsgutachtens des mit ihr befreundeten Psychiaters Julius Wagner-Jauregg in eine Nervenanstalt abschieben. Mit Unterstützung von Katharina Schratt wurde Girardi jedoch rehabilitiert. Helene Odilon ließ sich 1896 von ihm scheiden.

Im November 1893 erlitt sie einen Schlaganfall und war in weiterer Folge in ihren Bewegungen gehindert. Sie war schwer depressiv und wurde von ihrer Verwandtschaft unter Vormundschaft gestellt, da sie ein beträchtliches Vermögen hatte (eine halbe Million Kronen, ihr Haus in der Neustiftgasse und dessen „kostbare Einrichtung“). Gegen die Vormundschaft kämpfte sie jahrelang an und schrieb auch eine Autobiografie „Das Buch einer Schwachsinnigen“, das auf großes Interesse stieß. 1916 erblindete Helene Odilon, wurde von vielen Menschen ausgenutzt und um ihre letzte Habe gebracht. Sie war in weiterer Folge zum Betteln gezwungen. Helene Odilon erlag im 74. Lebensjahr einem Schlaganfall, „um vier Jahrzehnte zu spät und von einem Schattendasein erlöst.“

Der Ignaz Bösendorfer Lauf

Ein halbwegs flotter Morgenlauf durch die Stadt an jenem Tag, als der Gründer der Firma Bösendorfer, Ignaz Bösendorfer, vor 230 Jahren das Licht der Welt erblickte.

Ignaz absolvierte seine ersten Lehrjahre in der Bautischlerei seines Vaters. Da er sich aber für Musik und Klavierbau interessierte, schickte ihn sein Vater zu Joseph Brodmann in die Lehre. Brodmann war ein bekannter Orgel- und Klavierbauer. Ignaz Bösendorfer galt als Brodmanns bester Schüler und wurde von diesem auch entsprechend gefördert. Als sich Brodmann zur Ruhe setzte, übernahm Ignaz Bösendorfer seinen Betrieb. Am 25. Juli 1828 erhielt er schließlich das Bürger- und das Meisterrecht und startete den Betrieb mit 500 Gulden und 2 Gehilfen.

Anfangs produzierte Ignaz Bösendorfer 4 Klaviere im Jahr. Nach und nach steigerte er die Produktion. 1835 fertigte er bereits ca. 200 Stück im Jahr. Einer der ersten von Ignaz Bösendorfer gebauten Flügel steht heute noch in Kärnten im Stift Millstatt und wird noch immer regelmäßig für Konzerte verwendet. Im Wien Museum befindet sich ein Hammerklavier von Ignaz Bösendorfer, das Franz Grillparzer gehörte.

Wien war damals eine Metropole der Musik und um 1825 gab es in Wien circa 140 Klavierbauer. Auch Franz Liszt versuchte es bald mit einem Bösendorfer Klavier. Liszt war dafür bekannt, dass er seinen Klavieren während eines Konzertes arg zusetzte. Er schaffte es regelmäßig, die Musikinstrumente bis zur Unbrauchbarkeit zu ramponieren. Die Klaviere von Bösendorfer waren allerdings derart robust und stabil gebaut, dass sie Liszts Spiel unbeschadet überstanden.

Klaviere aus der Werkstatt Bösendorfers wurden nach Deutschland, England, Italien, Russland, Brasilien und Ägypten exportiert. Ende 1850 erzeugte das Werk mehr als 3.000 Instrumente im Jahr.

Die Produktionsstätte der Firma Bösendorfer befand sich in der Lenaugasse 10. Nach dem Tod von Ignaz Bösendorfer übernahm der älteste Sohn Ludwig den Betrieb. In der Herrengasse 6-8 wurde der Bösendorfer Konzertsaal im November 1872 eröffnet. Bis zur Demolierung des Palais spielte der Saal in der Wiener Musikszene eine bedeutende Rolle. Das letzte Konzert fand am 2. Mai 1913 statt. Nachdem das Areal zwei Jahrzehnte unverbaut geblieben war, wurde 1933 das Hochhaus errichtet. ( https://www.karinkiradi.at/2023/07/18/ignaz-b%C3%B6sendorfer-1796-1859/ )

Der Hans Temple Lauf

Bei meinem heutigen Morgenlauf ging’s heute durch Meidling. Zuerst bergauf, danach ein Stückerl auf der Altmannsdorfer Straße (das Strava Segment hier heißt nicht umsonst „eine dumme Idee hier zu laufen“) und nach dem Wohnpark Alt Erlaa gings an der U6 entlang nach Siebenhirten bis zur Hans Temple Gasse. Am Ende habe ich noch den Schellensee umrundet, gesehen habe ich den See aber leider nicht. Offenbar ist der See in Privatbesitz und die Badehäuser können verpachtet werden. Dürfte eine nette Oase sein.

Der Maler Hans Temple hätte am 7. Juli seinen 169. Geburtstag gehabt, daher ging es fast bis nach Brunn im Gebirge. In diesem Viertel erinnern einige Straßen an Maler. Hans Temple studierte an der Wiener Akademie, später ging er auch nach Paris.

Das Hauptgebiet des Malers waren Bildnisse zeitgenössischer bekannter Künstler in der Umgebung ihres Ateliers. So malte er beispielsweise den Bildhauer Viktor Tilgner bei der Arbeit am Mozartdenkmal im Wiener Burggarten sowie seinen Lehrer Munkácsy in seinem Atelier bei der Arbeit an dessen Gemälde „Christus vor Pilatus“.
Er bekam auch Aufträge des Wiener Hofes, wie das Gemälde „Gratulation der k.u.k. Armee an Kaiser Franz Joseph I. zum 85. Geburtstag durch Erzherzog Friedrich“- Sein hauptsächliches Schaffen und Wirken fand in Wien statt, wo er auch im Dezember 1931 starb.

Der Karl Gröger Lauf

Nach knapp einer Woche wieder einmal laufen. Bei der Hitze in den letzten Tagen konnte ich irgendwie nicht und auch heute war es noch ziemlich warm. Dementsprechend langsam war ich auch unterwegs und beim Julius Tandler Platz bin ich dann in den 5er eingestiegen. Abends wird es sicher ein Gewitter geben.

Karl Gröger hätte heute seinen 83. Todestag gehabt. Er war ein Medizinstudent aus Wien und war während des zweiten Weltkriegs im niederländischen Widerstand aktiv. Nach dem Anschluss Österreichs floh Karl Gröger von Wien nach Amsterdam, wo er sein Studium fortsetzte. Dort wurde er auch zur Wehrmacht eingezogen, aber bald wieder entlassen, da er ein „Vierteljude“ war und deshalb als wehrunwürdig galt.

Ab August 1942 begann er mit einer Gruppe, eine Untergrundzeitung mit dem Namen Rattenkruit (dt.: „Rattengift“) herauszugeben, in der sie zum bewaffneten Kampf gegen die Besatzung aufriefen. Gemeinsam mit einer Widerstandsgruppe verübte Karl Gröger nach längeren Vorbereitungen am 27. März 1943 auch einen Anschlag auf das Einwohnermeldeamt Amsterdam.

Bei dem Anschlag, bei dem die Mitglieder der Gruppe als niederländische Polizisten verkleidet in das Gebäude eindrangen, konnten zahlreiche Akten zerstört werden, die für die Organisation der Deportation von Juden in Arbeits- oder Vernichtungslager benötigt wurden. Auch die Kontrolle von gefälschten Personalausweisen sollte so erschwert werden. Die SS verhaftete ihn am 8.4.1943, hingerichtet wurde er in Amsterdam am 1.7.1943. Zur Erinnerung an ihn gibt es vor der Jägerstraße 2 in der Brigittenau einen Gedenkstein.

Der Eugenie Goldstern Lauf

Bei meinem aktuellen Geschichtslauf war es schon etwas heiß, aber ich hab mich dann doch den Wilhelminenberg hinauf geschleppt und bin auf der anderen Seite über den Satzberg wieder hinunter zum Bahnhof Hütteldorf. Oben beim Satzberg befindet sich die Goldsterngasse, sogar mit einer Zusatztafel, die an die Ethnologin Eugenie Goldstern erinnert.

Eugenie Goldstern stammt aus Odessa und wird als jüngstes von 14 Kindern in eine wohlhabende jüdische Kaufmannsfamilie geboren. Jenja, so ihr Rufname, besucht das Gymnasium, ihre Brüder studieren Medizin und Chemie. Jenja spricht fünf Sprachen, die Familie ist aufgeklärt liberal.

Um 1905 wird die politische Lage in Russland instabil. Immer wieder kommt es in der Provinz zu Übergriffen, auch gegen Juden. Die Familie Goldberg flüchtet nach Wien. Dort arbeitet einer der Brüder inzwischen als Zahnarzt, ein anderer hat eine Fango-Klinik für Haut- und Nervenkrankheiten eröffnet.

Eugenie studiert Volkskunde, darf sich als russische Staatsbürgerin aber nur als Gasthörerin einschreiben. Ihr Interesse gilt besonders den Menschen am Rande der Zivilisation, und sie beginnt, im Hochgebirge zu forschen. 1912 kommt sie zum ersten Mal ins Schweizer Wallis. Um das Leben der Bevölkerung wirklich zu verstehen, wohnt sie sogar gemeinsam mit den Leuten in einer “Stallwohnung”, einem gemeinsamen Raum für Mensch und Vieh. Aus dieser Erfahrung in dem kleinen Ort Bessans entsteht später eine der ersten Dorfmonographien überhaupt.

Nach dem ersten Weltkrieg studiert sie an der Universität Fribourg , wo sie 1920 ihre Doktorprüfung „summa cum laude“ besteht. Chancen auf eine wissenschaftliche Laufbahn hat sie als Frau und Jüdin dennoch kaum, schon gar nicht am Wiener Volkskundemuseum. Geschenke werden allerdings gern entgegen genommen: “Fräulein Dr. Goldstern” stiftet den Wienern ihre Sammlung zusammen mit 250.000 Kronen, um dem Museum über die Inflation zu helfen. Zum Vergleich: Die sieben großen Landesmuseen hatten damals ein Gesamtbudget von 400.000 Kronen.
Gründer und erster Direktor des Museums war Michael Haberlandt, der einst Goldsterns Vorbild war, später aber hemmungsloser Antisemit. 1924 übernimmt sein Sohn Arthur, ebenfalls vom nationalsozialistischen Rassenwahn durchdrungen, die Direktion und verbannt die Sammlung Goldstern, eine der umfangreichsten außerhalb Frankreichs, in kaum zugängliche Räume und ins Depot.

Nach dem Anschluss machen sich die Nazis auch über die Fangoklinik von Eugenies Bruder her. Ihr Neffe Alexander wird nach Dachau und Buchenwald deportiert – 1939 kommt er wieder frei, weil sein Vater das Sanatorium “für den Preis eines Spirituskochers” zwangsverkaufen musste. Bald darauf begeht Eugenies Schwager Leopold Wermer Selbstmord, um der Deportation zuvorzukommen. Für Eugenie ist es für eine Flucht zu spät – sie wird am 14. Juni 1942 nach Izbica in Polen deportiert, wo ihre Biographie endet und sie ermordert wurde. ( https://www.derstandard.at/story/242198/eugenie-goldstern-vergessen-verdraengt )