Der Eugenie Goldstern Lauf

Der Eugenie Goldstern Lauf

Bei meinem aktuellen Geschichtslauf war es schon etwas heiß, aber ich hab mich dann doch den Wilhelminenberg hinauf geschleppt und bin auf der anderen Seite über den Satzberg wieder hinunter zum Bahnhof Hütteldorf. Oben beim Satzberg befindet sich die Goldsterngasse, sogar mit einer Zusatztafel, die an die Ethnologin Eugenie Goldstern erinnert.

Eugenie Goldstern stammt aus Odessa und wird als jüngstes von 14 Kindern in eine wohlhabende jüdische Kaufmannsfamilie geboren. Jenja, so ihr Rufname, besucht das Gymnasium, ihre Brüder studieren Medizin und Chemie. Jenja spricht fünf Sprachen, die Familie ist aufgeklärt liberal.

Um 1905 wird die politische Lage in Russland instabil. Immer wieder kommt es in der Provinz zu Übergriffen, auch gegen Juden. Die Familie Goldberg flüchtet nach Wien. Dort arbeitet einer der Brüder inzwischen als Zahnarzt, ein anderer hat eine Fango-Klinik für Haut- und Nervenkrankheiten eröffnet.

Eugenie studiert Volkskunde, darf sich als russische Staatsbürgerin aber nur als Gasthörerin einschreiben. Ihr Interesse gilt besonders den Menschen am Rande der Zivilisation, und sie beginnt, im Hochgebirge zu forschen. 1912 kommt sie zum ersten Mal ins Schweizer Wallis. Um das Leben der Bevölkerung wirklich zu verstehen, wohnt sie sogar gemeinsam mit den Leuten in einer “Stallwohnung”, einem gemeinsamen Raum für Mensch und Vieh. Aus dieser Erfahrung in dem kleinen Ort Bessans entsteht später eine der ersten Dorfmonographien überhaupt.

Nach dem ersten Weltkrieg studiert sie an der Universität Fribourg , wo sie 1920 ihre Doktorprüfung „summa cum laude“ besteht. Chancen auf eine wissenschaftliche Laufbahn hat sie als Frau und Jüdin dennoch kaum, schon gar nicht am Wiener Volkskundemuseum. Geschenke werden allerdings gern entgegen genommen: “Fräulein Dr. Goldstern” stiftet den Wienern ihre Sammlung zusammen mit 250.000 Kronen, um dem Museum über die Inflation zu helfen. Zum Vergleich: Die sieben großen Landesmuseen hatten damals ein Gesamtbudget von 400.000 Kronen.
Gründer und erster Direktor des Museums war Michael Haberlandt, der einst Goldsterns Vorbild war, später aber hemmungsloser Antisemit. 1924 übernimmt sein Sohn Arthur, ebenfalls vom nationalsozialistischen Rassenwahn durchdrungen, die Direktion und verbannt die Sammlung Goldstern, eine der umfangreichsten außerhalb Frankreichs, in kaum zugängliche Räume und ins Depot.

Nach dem Anschluss machen sich die Nazis auch über die Fangoklinik von Eugenies Bruder her. Ihr Neffe Alexander wird nach Dachau und Buchenwald deportiert – 1939 kommt er wieder frei, weil sein Vater das Sanatorium “für den Preis eines Spirituskochers” zwangsverkaufen musste. Bald darauf begeht Eugenies Schwager Leopold Wermer Selbstmord, um der Deportation zuvorzukommen. Für Eugenie ist es für eine Flucht zu spät – sie wird am 14. Juni 1942 nach Izbica in Polen deportiert, wo ihre Biographie endet und sie ermordert wurde. ( https://www.derstandard.at/story/242198/eugenie-goldstern-vergessen-verdraengt )

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert